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Johannes Goebel

Töne aus Chips: Musik ohne Körper

Computerklänge seit 1957

Musik war schon immer Teil der virtual reality, sie war stets interaktiv und immersiv. Oder auf deutsch: Musik nimmt immer mit auf eine Reise in bekannte oder unbekannte Welten, sie fordert zum Eintauchen und Auftauchen auf, sie verändert sich immer im Zusammenspiel von Spielen und Hören. Musik ist nur im Moment ihres Erklingens erlebbar: vor dem Erklingen ist sie Phantasie, nach dem Erklingen Erinnerung. Phantasie und Erinnerung sind die Heimat von Möglichkeiten und Zwängen - von Virtualität. Und wenn die Musik erklingt, ist reine Gegenwart möglich.

Computer werden seit der ersten Hälfte der 50er Jahre für Musik verwendet. Zunächst von Komponisten, die nach den Computerausdrucken Noten schreiben, ab 1957 dann auch für Klangsynthese. Bereits in den ersten Jahren der digitalen Klangsynthese sind alle Strömungen vertreten, die dann seit Mitte der 80er Jahre den Computer als Instrument verwendet haben: Geräuschmusiker, Zufallsmusiker, Volksliederrangeure, Imitatoren, Zwölftonkonstrukteure, dem Computer drive Einhauchende. Mit Hilfe des Computers werden die Töne akustischer Instrumente analysiert und neue Klänge konstruiert. Mitte der 70er Jahre steht das ganze Arsenal digitaler Klangbearbeitung und -erzeugung bereit, auf dem heute alles aufbaut: Sampling, digitaler Schnitt, digitaler Hall, räumliche Bewegung von Klängen im quadrophonen Raum mit Dopplereffekt, synthetische Trompeten und Trommeln, Klangmorphing - und bisher unerhörte Klänge.

Und von Anfang an war ein Teil der Computermusik damit beschäftigt, den Körper wieder einzufangen, der sich seit Erfindung des Lautsprechers, der Reproduzierbarkeit von Musik und der elektrischen Erzeugung von Tönen zunehmend aus der Musik verabschiedet hatte. Bis zum Erscheinen des Lautsprechers war Musik stets mit der körperlichen Erzeugung der erklingenden Töne verbunden, Lautstärke, Tongebung, Gestaltung der Musik waren direkt mit körperlichen Kräften verbunden. Doch dann genügte ein Drehen am Rad und alles wurde lauter oder leiser als in Wirklichkeit, elektrische Schaltungen filterten oder erzeugten Töne ohne Körperkraft.

Mitte der 80er Jahre trat dann die Digitalisierung aus den experimentellen Studios auf den Massenmarkt. CDs, digitale Synthesizer und Effektgeräte, Sampler, MIDI, Sequenzer und Tonbearbeitungsprogramme waren innerhalb kürzester Zeit in allen Industrienationen verfügbar.

Aber was hat sich eigentlich musikalisch verändert? Rein praktisch Können wir feststellen, daß die industriell produzierten Geräte sich neben dem Bereitstellen von Science-Fiction Effekten alle an der Imitation akustischer Instrumente, ihrer Klänge und ihrer Spielweisen, versuchen. Das Ziel liegt darin, alles Bekannte im direkten Zugriff verfügbar zu machen. Die ganze Welt der Klänge als digitaler Steinbruch für Collagen, Verfremdung und naturgetreue Imitation. Bietet die Technologie nicht andere, auch musikalisch nutzbare Möglichkeiten?

Singende Computer, das allererste digital synthetisierte Stück, das erste FM-Stück (der Grundlage der Yamaha DX-Serie, dem meistverkauften Synthezisermodell der Geschichte), Klangparadoxe, physikalische Modelle von Saiten in Schiffstaustärke - viele beispielhafte Stücken aus der weniger Bekannten Ecke werden vorgestellt.

Johannes Goebel begann 1977 als Komponist mit Computermusikstudien am Center for Computer Research in Musik and Acoustics (CCRMA) der Standfort Universität. Seit 1990 baut er das Institut für Musik und Akustik im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe auf. 1996 war er auch Technischer Direktor des CCRMA. Neben seiner Arbeit im digitalen Bereich, hat er auch akustische Instrumente mit anderen Stimmungssystemen entworfen und gebaut. U.a. hat er gemeinsam mit KünstlerInnen aus den Bereichen Architektur, Tanz, Performance gemeinsame Projekte erarbeitet. Mit Kindern, Profimusikern und Laien improvisierte er viele Jahre auf Schrottinstrumenten, schulte Notenstecher auf elektronischen Notendruck um und hielt Vorträge zur Ästhetik elektronischer Musik




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